Sexualisierte Gewalt

Was ist sexualisierte Gewalt?

Sexualisierte Gewalt ist ein Begriff, der nicht in einem Satz zu erklären ist.

Viele Menschen glauben, dass es sich bei sexualisierter Gewalt immer um eine Vergewaltigung handeln muss. Das ist aber falsch.

Sexualisierte Gewalt fängt viel früher an. Wenn man von sexualisierter Gewalt spricht, geschieht einer Person immer etwas, das sie nicht möchte: Jemand verhält sich ihr gegenüber grenzüberschreitend. Das heißt, jemand tut Dinge, die sich nicht gut anfühlen oder verletzend sind. Beispiele hierfür sind das Zeigen von Pornofilmen oder Fotos mit sexuellem Bezug oder unangenehme körperliche Berührungen. Wenn Menschen andere Menschen mit sexuellen Blicken, Kommentaren oder Berührungen belästigen, ist das auch schon sexuelle Gewalt. Wir sprechen dann von Gewalt, die einen sexuellen Bezug hat: also „Sexualisierte Gewalt“.

Sexualisierte Gewalt kann von außen manchmal so gesehen werden, als wäre es ein Kontakt, wie er unter Menschen stattfindet, die sich mögen und Lust dazu haben, sich nahe zu sein. Das ist aber nicht der Fall.

Bei sexualisierter Gewalt oder bei einer Vergewaltigung geht es nicht darum, sich nahe zu sein. Es geht darum, Macht zu zeigen. Der Täter, der sexualisierte Gewalt ausübt, möchte damit Macht über die Person zeigen, die die sexualisierte Gewalt erleidet. Manchmal sagen Täter Dinge, die das Opfer und auch andere Personen glauben lassen sollen, dass es für beide okay war. Diese Tatsache stimmt aber nicht.

Folgendes ist sehr wichtig: Du bist auf keinen Fall schuld daran, falls du sexualisierte Gewalt erlebst oder erlebt hast. Du kannst nichts dafür, dass es dir passiert ist, und du hast keine Mitschuld.

Wenn Mädchen und Frauen sexuelle Gewalt erlebt haben, berichten sie uns oft, dass sie sich sehr schämen. Sie suchen oftmals nach einer Erklärung, warum es dazu gekommen ist. Viele Mädchen und Frauen suchen oftmals so lange nach einer Begründung, bis sie glauben, sie hätten etwas falsch gemacht. Das ist aber nicht so, der Fehler liegt nie bei den betroffenen Mädchen und Frauen.

Die einzige Erklärung ist: Der Täter übt sexualisierte Gewalt aus, um sich damit besser und mächtiger zu fühlen.

Die Täter wissen, was sie tun und setzen ihre Macht bewusst ein. Sie können es steuern. Es passiert nicht aus Versehen.

Wenn es zu körperlichen Übergriffen kommt, empfindet manchmal auch der Körper des Mädchens oder der Frau, die sexuelle Gewalt erfährt, sexuelle Erregung.

Das ist ein Schutzmechanismus vom Körper, um möglichst wenige Verletzungen davon zu tragen. Dieser Mechanismus passiert bei einigen Mädchen und Frauen und bedeutet nicht, dass sie es als schön oder angenehm empfinden. Es ist ein Schutz!

Auch dafür musst du dich nicht schämen, falls dein Körper eine sexuelle Erregung als Schutzmechanismus gespürt hat. Täter nutzen das gerne als Begründung, um dem Opfer zu sagen, sie hätte es auch gewollt oder es hätte ihr Spaß gemacht.

Vertrau deinen Gedanken, wenn diese dir sagen, dass du es nicht wolltest. Das reicht aus und deine Körpersprache macht das auch deutlich. Niemand darf sich darüber hinwegsetzen!

Sexualisierte Gewalt ist strafbar!

Niemand darf dich anstarren, anfassen oder küssen, wenn du das nicht willst. Niemand darf Nacktfotos von dir machen, dir eklige Nachrichten schreiben oder dich sonst irgendwie belästigen.

Es ist gut, auf die eigenen Gefühle zu hören und in dich hineinzuspüren, was du magst und was du nicht magst. Wenn irgendjemand etwas sagt oder tut, was dir nicht geheuer ist, dann darfst du das sagen. Am besten kannst du es direkt demjenigen selbst sagen. Das kann schwierig sein, sollte es dir nicht gelingen, kannst du es auch einer Person sagen, der du vertraust.

Deutlich zu sagen, wenn du etwas nicht magst, ist niemals unhöflich. Sondern es ist wichtig, deine Grenzen deutlich zu machen. Menschen, die darauf keine Rücksicht nehmen oder dir das Gefühl geben, du dürftest deine Grenzen nicht klar benennen, nutzen ihre Macht aus.

Das gilt nicht nur bei sexualisierter Gewalt, sondern immer, wenn Menschen deine Grenzen überschreiten. Immer, wenn du dich im Kontakt mit einer anderen Person unwohl fühlst, hat das einen Grund und du darfst deine Gefühle ernst nehmen.

Falls es dir noch nicht leichtfällt, kann es dir helfen, jeden Tag zu üben, indem du sagst: „Das mag ich nicht!“ oder „Das möchte ich nicht!“

Wenn jemand deine Grenzen überschreitet, du dich im Kontakt mit jemandem unwohl fühlst oder du oder deine Freundin von sexualisierter Gewalt betroffen seid, könnt ihr zu den Beraterinnen der LOBBY FÜR MÄDCHEN Kontakt aufnehmen. Wir kennen uns in dem Thema aus und gehen sehr sensibel damit um. Du brauchst nichts zu sagen, was du nicht möchtest und wir drängen niemanden dazu, eine Anzeige zu machen.

Wir möchten dich unterstützen – und das ganz in deinem eigenen Tempo und mit dem, was du gerade brauchst.

 

Was ist sexueller Missbrauch?

Sexueller Missbrauch ist eine andere Bezeichnung für sexualisierte Gewalt. Beide Begriffe meinen aber das Gleiche. Wir von der LOBBY FÜR MÄDCHEN verwenden den Begriff „Sexueller Missbrauch“ nicht, denn wenn man es wörtlich sieht, wäre das Gegenteil von sexuellem Missbrauch „sexueller Gebrauch“.

Wir möchten Sexualität nicht mit dem Wort „Gebrauch“ in Verbindung bringen. Bei Sexualität und sexuellen Handlungen, die nicht mit Gewalt verbunden sind, sollte niemand für irgendetwas „gebraucht“ werden. Sondern es geht um ein Miteinander und darum, sich aufeinander einzulassen. Damit ausgelebte Sexualität schön ist, brauchen alle Beteiligten vor allem zweierlei: Lust dazu und Spaß daran!

Alles was wir unter Missbrauch verstehen, findest du unter der Überschrift „Sexualisierte Gewalt“.

Wenn du weitere Fragen hast, wende dich gerne an die Beraterinnen der LOBBY FÜR MÄDCHEN.

 

Was kannst du tun, wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast?

Wenn du sexualisierte Gewalt erlebt hast, liegt das niemals an dir oder an dem, was du getan hast.

Viele Mädchen und Frauen berichten uns davon, dass sie sich geschämt haben, weil ihnen sexualisierte Gewalt passiert ist und dass sie nicht verstehen können, wie es dazu gekommen ist.

Viele Mädchen und Frauen überlegen sich häufig, woran es gelegen haben könnte und denken, dass sie eine Mitschuld daran tragen. 

Falls es dir auch so gehen sollte, ist es für uns wichtig, dir zu sagen, dass du nicht allein mit diesen Gedanken von Schuld und Scham nach einem sexuellen Übergriff bist. Sondern diese Gefühle teilen viele betroffene Mädchen und Frauen!

Es gibt keine Eigenschaft an dir und keinen Grund dafür, dass du sexualisierte Gewalt erlebt hast. Allein der Täter (es können auch Täterinnen sein, aber die Wahrscheinlichkeit ist geringer) trägt die Schuld daran und die Verantwortung dafür.

Wir möchten dich ermutigen, diese Gefühle wie Schuld und Scham zu überwinden und dich jemandem anzuvertrauen. Über das Erlebte zu sprechen kann helfen, es besser einzuordnen und zu verarbeiten.

Du kannst dir überlegen, wem du vertraust und was du brauchst, um über deine Gewalterfahrungen sprechen zu können. 

Zum Beispiel kann eine gute Freundin oder ein guter Freund, jemand aus deiner Familie oder auch eine Person von außen, die sich mit dem Thema auskennt, eine Ansprechpartnerin oder ein Ansprechpartner für dich sein.

Wir Beraterinnen der LOBBY FÜR MÄDCHEN kennen uns auch gut mit dem Thema aus. Du kannst dich gerne an uns wenden. 


Solltest du zu einer Ärztin oder zu einem Arzt gehen, nachdem du sexualisierte Gewalt erlebt hast?

Wenn du körperliche Verletzungen hast, die behandelt werden sollten, ist es gut, wenn du dich medizinisch versorgen lässt. So können alle Verletzungen auch gut ausheilen.

Du kannst dir überlegen, ob es dir vielleicht leichter fällt, in Begleitung zu einer Ärztin oder zu einem Arzt zu gehen. Außerdem kannst du überlegen, was es dir noch leichter machen würde, medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. 

Auch hier kannst du dich gerne an die LOBBY FÜR MÄDCHEN wenden.


Kannst du eine Anzeige erstatten, wenn du sexualisierte Gewalt erfahren hast?

Nachdem du sexuelle Gewalt erlebt hast, kannst du zur Polizei gehen. Du musst aber nicht.

Du entscheidest darüber, ob du eine Anzeige erstatten möchtest oder nicht. Du darfst dir ruhig Zeit für diese Entscheidung lassen. Anzeige zu erstatten, geht auch zu einem späteren Zeitpunkt noch, wenn es dir besser geht. Es ist auch nach Jahren noch möglich.

Falls du dich dazu entscheidest, mit uns darüber zu sprechen, was du erlebt hast, werden wir dich nicht zu einer Anzeige drängen.

Wenn du dir das wünschst, können wir dich bei der Überlegung und Entscheidung unterstützen, ob du eine Anzeige erstatten möchtest oder nicht. Wir besprechen dann auch, was auf dich zukommen kann. Du kannst dich telefonisch, persönlich oder online an uns wenden.

Außerdem können wir dich beraten, wie eine Anzeige bei der Polizei gut vorbereitet werden kann. Du kannst zum Beispiel einen Termin im Polizeipräsidium ausmachen und schon am Telefon absprechen, wenn du dir eine Polizistin als Ansprechpartnerin wünschst, die deine Aussage aufnimmt und sich mit dem Thema auskennt und sensibel damit umgeht. So kannst du vorbereiten, dass eine Aussage in einem Rahmen stattfindet, der dir so wenig wie möglich unangenehm ist. 

Wir können dir auch Kontakte zu Rechtsanwältinnen vermitteln, die sich mit sexualisierter Gewalt auskennen und mit Mädchen und Frauen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, sehr sensibel im Kontakt sind.  Aber es können auch ganz andere Themen sein, die du mit uns besprechen möchtest, nachdem du sexualisierte Gewalt erlebt hast.


Kennst du die Anonyme Spurensicherung (ASS)?

Wenn du schon 18 Jahre alt bist, hast du die Möglichkeit, anonym Spuren sichern zu lassen. Es gibt Krankenhäuser in Köln, die die Anonyme Spurensicherung (ASS) anbieten.

Im Krankenhaus gibst du deinen Namen an, dieser wird aber vertraulich behandelt. Für die Anonyme Spurensicherung musst du nichts bezahlen. Die Ärztinnen und Ärzte dort sichern die Beweise. Diese werden dann im Institut für Rechtsmedizin zehn Jahre lang für dich aufbewahrt.

Wenn du dich vor dem Ablauf der zehn Jahre an die Rechtsmedizin wendest, kannst du die Lagerung der Beweise auch verlängern lassen. Du bekommst eine Chiffren Nummer, mit der du auf die gesicherten Spuren zurückgreifen kannst, wenn du dich entscheiden solltest, Anzeige zu erstatten.

Die Polizei erfährt nichts davon.

In einem Gerichtsverfahren können diese Daten als wichtiges Beweismittel dienen. Eine Liste der Krankenhäuser, die die anonyme Spurensicherung anbietet und weitere Erklärungen dazu findest du unter: https://www.notruf-koeln.de/wp-content/uploads/2021/04/FB_ASS_2021_neu_1.pdf