LOBBY Jahresbericht 2025

Vorwort aus dem Jahresbericht 2025

Mit dem vorliegenden Jahresbericht 2025 möchten wir einen umfassenden Überblick über unsere vielfältige pädagogische Arbeit in den unterschiedlichen Arbeitsbereichen geben, mit der wir insgesamt 3001 Mädchen und junge Frauen (im Alter von 10-27 Jahren) 782 Fachkräfte, 129 Peers und 51 Angehörige erreicht haben.

Wir wollen zunächst auf aktuelle Herausforderungen in unserer Mädchenarbeit eingehen, die sich aus derzeitigen politischen und gesellschaftlichen Veränderungsprozessen ergeben. Antifeminismus, Frauenhass, Femizide, Ablehnung von Vielfalt, tradierte Rollenbilder, die verklärt werden (Tradwives), Erstarken von extrem rechten Haltungen damit einhergehend die Normalisierung von menschenverachtendem Denken, enthemmte Aggression in sozialen Medien, Hetze und Desinformation führen dazu, dass Gewalt in den unterschiedlichsten Ausprägungen für alle Mädchen und jungen Frauen Teil ihrer (digitalen) Lebensrealität ist. Sowohl in der Beratungsstelle, in unseren Präventionsworkshops, im Projekt Hürden überwinden, als auch in den Mädchenzentren und in der landesweiten Fachstelle YUNA unterstützen wir unsere Zielgruppen immer auch im Hinblick auf Gewalterfahrungen, die fast alle Mädchen und jungen Frauen, die unsere Angebote nutzen, gemacht haben oder machen. Die aktuellen Zahlen (November 2025) aus den vom BMI, BMBFSFJ und BKA veröffentlichen Bundeslagebilder „Geschlechtsspezifisch gegen Frauen gerichtete Straftaten“ und „Häusliche Gewalt“ für das Jahr 2024 belegen, dass Straftaten gegen Mädchen und Frauen weiter zunehmen – und Häusliche Gewalt auf dem Höchststand ist. Und hier ist das sogenannte Dunkelfeld, Straftaten, die im Verborgenen bleiben, noch nicht berücksichtigt. Eine statistisch belegte Tendenz, die wir aus der tagtäglichen pädagogischen Arbeit mit Mädchen und jungen Frauen bestätigen müssen.

„Im Jahr 2024 wurden in der Polizeilichen Kriminalstatistik 53.451 weibliche Opfer von Sexualdelikten erfasst (+2,1 %, 2023: 52.330). Knapp die Hälfte war zum Tatzeitpunkt minderjährig. Die meisten dieser Mädchen und Frauen wurden Opfer von sexueller Belästigung (36,4 %), Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff (insgesamt 35,7 %) sowie sexuellem Missbrauch (27,5 %).

2024 wurden 308 Mädchen und Frauen getötet. Tötungsdelikte an Frauen können über die Daten der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) nicht als „Femizide“ im Sinne des allgemeinen Verständnisses „Tötung einer Frau, weil sie eine Frau ist“ interpretiert werden, da keine bundeseinheitliche Definition des Begriffs „Femizid“ existiert und in der PKS keine Tatmotivation erfasst wird. Eine trennscharfe Abbildung und Benennung von Femiziden sind daher auf Basis der vorliegenden kriminalstatistischen Daten nicht möglich. 18.224 Frauen und Mädchen waren Opfer digitaler Gewalt, beispielsweise durch Cyberstalking oder Online-Bedrohungen. Mit einem Anstieg um 6,0 Prozent gegenüber dem Vorjahr (2023: 17.193) ist die Zahl weiblicher Opfer im Bereich digitale Gewalt damit erneut gestiegen – der stärkste Anstieg in allen Fallgruppen. Im Bereich der politisch motivierten Kriminalität wird die Tatmotivation berücksichtigt. Hier zeigt sich mit 558 erfassten Straftaten im Jahr 2024 ein erneut hoher Anstieg bei frauenfeindlichen Straftaten (+73,3 %). Damit setzt sich der Anstieg aus dem Vorjahr fort (2023: +56,3 %). Knapp die Hälfte der Delikte entfällt auf den Straftatbestand Beleidigung. Bei den registrierten 39 Gewaltdelikten handelt es sich in den meisten Fällen um Körperverletzungen. 2024 wurde in diesem Zusammenhang ein versuchtes Tötungsdelikt erfasst.“ (https://www.bmi.bund.de/SharedDocs/pressemitteilungen/DE/2025 /11/StraftatengegenFrauen2024.html)

Die am 10.02.2026 veröffentlichte Dunkelfeldstudie „Lebenssituation, Sicherheit und Belastung im Alltag“ (LeSuBiA) ist ein gemeinsames Projekt vom Bundeskriminalamt (BKA), Bundesministerium für Inneres (BMI) und dem Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ). Sie belegt: körperliche und psychische Gewalt in (Ex-)Partnerschaften kommt 20-mal häufiger vor, als angezeigt wird (Anzeigeverhalten unter fünf Prozent). Jede fünfte Frau, die Gewalt durch ihren Partner erlebt, hat Angst um ihr Leben. Jede siebte Frau erlebt sexualisierte Gewalt. Frauen mit Migrationshintergrund sind besonders stark von Gewalt betroffen. Dabei geht die Gewalt gegenüber Frauen überwiegend von Männern aus (98 Prozent in der Partnerschaft, 90 Prozent bei sexualisierter Gewalt, 70 Prozent bei digitaler Gewalt). Was Organisationen wie die LOBBY FÜR MÄDCHEN seit Jahren sagen, ist jetzt wissenschaftlich belegt: Für Betroffene ist es nach wie vor unglaublich schwer, wirksame Unterstützung zu finden, um eine Gewaltbeziehung zu verlassen. Die steigenden Bedarfe der Mädchen und jungen Frauen an Unterstützung verzeichnen wir täglich in unseren pädagogischen Arbeitsfeldern. Die Konsequenz müsste eigentlich ein Ausbau der Angebotsstruktur sein. Stattdessen müssen wir um finanzielle Zuwendungen (bei steigenden Personal- und Sachkosten) kämpfen, um unsere Angebote in der Mädchenarbeit zu bewahren. Dabei darf die langfristige finanzielle Sicherung von Mädchenarbeit nicht immer wieder zur Verhandlungsmasse werden – sie muss selbstverständlich sein.

Eine Entwicklung gibt dann doch Hoffnung: am 27. Januar 2026, wurde auf Grundlage der Beschlussvorlage „Gründung eines Fachbeirats für Mädchenarbeit gemäß der Satzung für das Amt für Kinder, Jugend und Familie der Stadt Köln sowie Beschluss über die Geschäftsordnung“ der Fachbeirat für Mädchenarbeit einstimmig im Jugendhilfeausschuss beschlossen. Am 5. Februar 2026 wurde dieser vom Rat der Stadt Köln dann nach jahrelanger Vorarbeit abschließend beschlossen. Der Fachbeirat für Mädchenarbeit hat als kommunalpolitisches Gremium die Aufgabe geschlechterdifferenzierte Ansätze der Kinder- und Jugendarbeit zu verfolgen und als Mitglied mit beratender Stimme im Jugendhilfeausschuss die Interessen von Mädchen zu vertreten. Der hohe Stellenwert des Gremiums wird dadurch deutlich, dass der Fachbeirat im Stadtrecht in Form der neugefassten Satzung für das Amt für Kinder, Jugend und Familie verankert ist. Um den Fachbeirat für Mädchenarbeit zu etablieren, brauchte es Mitstreiterinnen in der kommunalen Verwaltung und einen politischen Konsens, dass dieses kommunalpolitische Instrument für eine angemessene Mädchenpolitik in der Stadt Köln unerlässlich ist. Wenn gleichstellungsrelevante Themen von (Fach-)Frauen vorangebracht werden wollen, braucht es nicht nur Energie und Durchhaltevermögen. Nicht selten werden Entscheidungsprozesse verzögert. Dass der Kampf um die Etablierung von mädchenpolitischen Strukturen mehr als 14 Jahre dauen sollte, hätten selbst wir nicht gedacht. Das hartnäckige Engagement der Initiative für den Fachbeirat für Mädchenarbeit (LOBBY FÜR MÄDCHEN e.V., Frauke Mahr (a.D.) und Sabine Osbelt, Handwerkerinnenhaus Köln e.V., Christiane Lehmann, Pavillon e.V., Franziska Schädlich, anyway Köln e.V., Rabea Maas) hat jetzt endlich zu dem Ergebnis geführt, dass Chancengerechtigkeit für Mädchen und junge Frauen in Köln politisch verankert wird. Gerade in Zeiten, in denen Mädchen- und Frauenrechte und Gleichstellungspolitik wieder zunehmend in Frage gestellt werden, ist dies ein großer Erfolg.

Link zum gesamten Jahresbericht LOBBY FÜR MÄDCHEN 2025